Steirisches Vulkanland - Archäologie

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  07 Höhensiedlung und römischer ‚vicus’ am Saazkogel
(Marktgemeinde Paldau, Katastralgemeinde Saaz)
     

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Der Saazkogel liegt ca. 3 km westlich von Feldbach am Südrand des Raabtals, wo ein vom Saazer-Bach gebildetes Seitental, von Südwesten her einmündet. Auf der B 68 von Feldbach kommend bei Gniebing in Richtung Paldau abzweigen (Kreisverkehr). Nach ca. 1 km rechterhand Hinweistafel ‚Römerausgrabungen’ zu dem gut sichtbar am Südhang unterhalb der Saazkogel-Kirche gelegenen großen überdachten Schutzbau.


GPS-Koordinaten:
N 46.951300 –
E 15.835617

So finden Sie
die Höhensiedlung

Der Saazkogel (oder auch Saazer Kogel, abgeleitet vom mittelhochdeutschen Wort ‚saze’, was soviel wie ‚Sitz’, ‚Wohnsitz’ bedeutet), erhebt sich mit ca. 340 m Seehöhe etwa 50 m über dem Talboden. Er bildet den leicht erhöhten östlichen Abschluss einer Hügelkette, die das Raabtal Richtung Süden begrenzt. An seiner höchsten Stelle steht, weithin sichtbar, die heute großteils aus spätgotischer Zeit (vom Beginn des 16. Jahrhunderts) stammende Kirche St. Sebastian (in Plänen auch oft als St. Laurentius bezeichnet, wobei beide Patrozinien überliefert sind). Während sich auf dem nach Westen hin nur wenig abfallenden Hügelkamm zwei kleinere hallstattzeitliche Hügelgräberfelder befinden und den unteren Nordhang ein großes römerzeitliches Hügelgräberfeld einnimmt, bietet sich als Siedlungsfläche das am östlichen Ende des Höhenrückens gelegene Plateau um die Kirche an. Es bildet eine langovale, rund 200 m lange und maximal 70 m breite weitgehend ebene Fläche. Lange Zeit ging man von einer (vor allem aus Keramik-Lesefunden erschlossenen) urnenfelderzeitlichen (und später auch latènezeitlichen) Besiedlung der Hochfläche des Saazkogels aus. Dem widerspricht jedoch der Leiter der Grabungen auf dem Plateau des Saazkogels (durchgeführt von der Universität Wien in den Jahren 1999-2000) Andreas Lippert entschieden, wenn er schreibt: „Bisherige Ansichten, wonach der Saazkogel in der Urnenfelder- und Latènezeit besiedelt war, sind nach der derzeitigen Fundlage ad acta zu legen.“ Und Lippert weiter: „Die Besiedlung am Plateau beginnt nicht früher als in der fortgeschrittenen, sogenannten älteren Hallstattzeit. Eine Zeitstellung um die Mitte und in der zweiten Hälfte des 7. Jhs. ist am ehesten anzunehmen ... Die Siedlung war nicht sehr groß und bestand offenbar aus eingetieften Grubenhütten mit Feuerstellen. Rotgebrannte Lehmbewürfe von Ständerbauten mit Flechtwerkwänden zeigen, dass die Gebäude schließlich abgebrannt sind.“
Die Grabungskampagne des Jahres 2000 auf dem Kirchenvorplatz brachte weiters Grundmauern einer Vorgängerkirche sowie die Fundamente eines im Jahre 1829 im Zuge des Turmbaues abgerissenen Erweiterungsbaues aus dem 17. Jh. zutage, außerdem römische Fundamentreste aus Basalttuffgestein mit Münzfunden. Letztere stehen wohl in Zusammenhang mit der ausgedehnten römischen Siedlung (vicus), die sich terrassenartig vom südlichen Fuß des Saazkogels hangaufwärts erstreckte.
Nähere Hinweise auf die Existenz dieser Siedlung hatten sich bereits Ende der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts durch Lesefunde römischer Keramik ergeben. Daraufhin durchgeführte Surveys (2001) bzw. Grabungen der Jahre 2002-2005 (örtliche Grabungsleitung: G. Tiefengraber) ergaben – in Ergänzung mit geophysikalischen Prospektionen, zuerst der Universität Ljubljana (2001) bzw. umfassender dann 2004 durch die ZA für Meteorologie und Geodynamik/Archeo Prospections –, dass sich diese römerzeitliche Siedlung über eine Fläche von mindestens 9 ha erstreckte. Damit aber gilt sie, neben den vici von Gleisdorf und Kalsdorf, als eine der größten bislang bekannten römischen Siedlungen der Oststeiermark! Die Lage am Knotenpunkt eines von Flavia Solva aus nach Nordosten (über Riegersburg und Fürstenfeld) zum äußersten östlichen Alpenrand verlaufenden Handelsweges mit der nach Pannonien führenden Raabtal-Route (die Binnennoricum über den vicus von Gleisdorf mit Savaria/Szombathely verband), begünstigte gewiss die Entstehung der Siedlung und förderte die Handelsaktivitäten ihrer Bewohner.
Im Rahmen der Grabungen der Jahre 2002-2005 wurden hangaufwärts Reste von kleineren Holzhäusern mit Ziegeldächern (wohl Wirtschaftsgebäuden) freigelegt, auf den Terrassen darunter steinerne Gebäudefundamente sowie ein sich im unteren Hangbereich, etwa 20 m vor dem Übergang in den Talboden entlangziehender Straßenabschnitt. Diese parallel zum Hang angelegte Schotterstraße (mit hangseitig vorgelagertem Straßengraben) war ca. 4 m breit und durchzog die gesamte Siedlung annähernd in ihrer Mitte. Die unterschiedlich großen, in ihrem Grundriss aber meist sehr ähnlichen Gebäude gruppierten sich nördlich und südlich dieser Straße auf künstlich angelegten Terrassen, sodass sich ein recht beachtlicher Gesamteindruck der Siedlung, mit stufenartig den Hang ansteigenden Gebäudekomplexen, ergeben haben muss. Annähernd in der Mitte der Siedlung befand sich der geophysikalischen Prospektion nach eine größere Freifläche, die anscheinend auch mit einer Änderung des Straßenverlaufes in Zusammenhang steht. Die Straße verläuft nämlich nicht über diese platzartige Struktur, sondern ist erst wieder etwas weiter südlich und hangabwärts versetzt nachweisbar. In ihrem Verlauf westlich der Siedlung war diese Straße zudem noch von unterschiedlich großen Grabbauten flankiert, die z. T. in unmittelbarer Nachbarschaft zu den letzten nachweisbaren Gebäuden lagen. Unter einem großen ummauerten Grabbezirk, der fast vollständig freigelegt werden konnte, fanden sich Reste älterer Grabbauten, die vermutlich als Einbauten in Hügelgräber zu interpretieren sind. Der zentrale Grabbau selbst aber verfügte über ein massives Bruchsteinfundament, auf dem sich eine monumentale zweistöckige Grabädikula mit mehreren Interkolumnien erhob (nach Ausweis einiger Marmorspolien aus einem hier sekundär eingetieften spätantiken Brunnenschacht).
Den Funden und Befunden nach zu schließen, dürfte der römische vicus am Südhang des Saazkogel erst in flavisch-trajanischer Zeit, also in der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Holzbauweise entstanden sein. Der Ausbau in Stein- bzw. Fachwerkarchitektur – samt der damit verbundenen Neustrukturierung der Siedlung in einem einheitlichem System von Grundstückseinheiten – erfolgte wohl erst ab hadrianischer Zeit (117 – 138 n. Chr.). Nach einer Zeit wirtschaftlicher Prosperität in den mittleren Jahrzehnten des 2. Jahrhunderts n. Chr. setzte dann eine deutlich nachweisbare Unterbrechung in der Belegung der Wohn- und Werkgebäude ein. Gegen Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. kam es zu einer neuerlichen Aufnahme der Siedlungstätigkeit, verbunden mit einer letzten wirtschaftlichen Blüte vor allem in severischer Zeit. Ab den mittleren Jahrzehnten des 3. Jahrhunderts n. Chr. ist dann aber auch schon mit einer fortschreitenden Aufgabe des Siedlungsplatzes am Südhang des Saazkogels zu rechnen, wobei über die Lokalisierung jüngerer Strukturen (aufgrund geringer Belege spätantiker Keramik und Münzen) bislang aber nichts bekannt ist. Auch die eingangs bereits erwähnten Grabungen am Gipfelplateau (mit den Resten eines römerzeitlichen Gebäudes – sakraler oder profaner Funktion? – unter der heutigen Laurentiuskirche) erbrachten keinen Hinweis auf eine spätantike Nutzung (eventuell in Form einer Rückzugssiedlung) auf dem Gipfel bzw. dem Kamm des Saazkogels.
Insgesamt deutet das reiche und für eine provinzialrömische Siedlung dieser Art typische Fundmaterial (Gebrauchskeramik sowie Terra Sigillata, Münzen, Glas, Fibeln, Bronze- und Bleifunde, Schlackenreste, etc.) nicht nur auf einen beträchtlichen Wohlstand der Bevölkerung und auf eine rege Handelstätigkeit, sondern auch auf die Existenz metallverarbeitender Betriebe im Bereich des vicus vom Saazkogel hin. In einem Raum des Feldbacher Tabor-Museums werden die Ergebnisse der Saazkogel-Grabungen anhand von Texten und Fotos präsentiert; die bei den Grabungen getätigten Funde sind dort in Vitrinen ausgestellt.
Aber auch an Ort und Stelle des ehemaligen vicus wurde im Jahre 2005 ein großer, mit Informationstafeln ausgestatteter Schutzbau errichtet. Er bewahrt nun einen Teil der ergrabenen Steinfundamente sowie im Inneren dieses Gebäudes aufgedeckte Strukturen – wie Feuerstellen, ‚Kühlgruben’ (in Form von in den Boden eingelassenen Vorratsgefäßen), Reste einer Schlauchheizung und einen (auch heute noch Wasser führenden!) Brunnenschacht – vor den Unbilden der Witterung.


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