Steirisches Vulkanland - Archäologie

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  50. Miklavž na Dravskem polju: Begehbarer römerzeitlicher Grabhügel, Römersteine an der Pfarrkirche und urnenfelderzeitliches Gräberfeld
(Orts- und Katastralgemeinde Miklavž na Dravskem polju)
     

Öffnungszeiten/
Kontakt:
Der große, in seinem Inneren begehbare Grabhügel von Miklavž na Dravskem polju kann nach rechtzeitiger vorheriger Anmeldung ganzjährig besichtigt werden. Kontakt:
Matjaž Grahornik,
Ulica Franca Vreša 9,
Sl-2204 Miklavž na Dravskem polju,
+386 41 279084
matjaz_grahornik
@yahoo.com

Die Römersteine an der Außenfassade der Pfarrkirche St. Nikolaus sind das ganze Jahr über frei zugänglich. Vom urnenfelderzeitlichen Gräberfeld ist nichts mehr zu sehen, die Funde befinden sich im Pokrajinski muzej in Maribor.

Anfahrt:
Auf der A9 (Pyhrnautobahn) von Graz über die Staatsgrenze bei Šentilj / Spielfeld nach Slowenien und weitere ca. 21 km auf der Autobahn A1 bis zur 5. Ausfahrt der Stadtumfahrung Maribor / Marburg. Von dort weiter nach Südosten in Richtung Ptuj / Pettau auf der Ptujska Cesta, auf der man, nach Passieren des modernen Ortszentrums von Miklavž na Dravskem polju und Überqueren des Draukanals, an einer linkerhand der Straße gelegenen Tankstelle vorbeikommt. Wie eine gegenüber der Tankstelle aufgestellte Hinweistafel mit der Aufschrift ‚Rimske gomile 150 m‘ verrät, ist es nun nicht mehr weit zu dem großen begehbaren Grabhügel, der sich direkt links neben der Straße, bei der Einmündung der Ulica Zofke Kukovi in die Ptujska Cesta, in einem kleinen Wäldchen erhebt (an der Straßeneinmündung auch eine Tafel mit EU-Logo; Entfernung von der Autobahnabfahrt in Maribor bis zum Hügelgrab am Südostrand von Miklavž: ca. 4 km).
Die Pfarrkirche St. Nikolaus (samt altem Siedlungskern) liegt etwas abseits, südöstlich des modernen Ortszentrums von Miklavž und der Ptujska Cesta (zwischen Draukanal und Drau), vom Grabhügel aus ist sie ebenfalls über die Ulica Zofke Kukovi erreichbar (gut 600 m Luftlinie nordwestlich). Das urnenfelderzeitliche Gräberfeld befand sich dort, wo heute die Tankstelle steht.


GPS-Koordinaten:
N 46.495327° –
E 15.716145° (Grabhügel)
bzw.
N 46.500670° –
E 15.713385° (Pfarrkirche)

So finden Sie den begehbaren Grabhügel und die Römersteine an der Pfarrkirche

Am südöstlichen Rand des Marburger Beckens befindet sich beim Ort Miklavž na Dravskem polju (St. Nikolaus im Draufeld) ein zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch aus 16 Grabhügeln bestehendes römerzeitliches Hügelgräberfeld.
Heute haben sich freilich nur mehr drei Tumuli sichtbar erhalten. Sie liegen in einem kleinen Wäldchen am südöstlichen Ortsrand von Miklavž, an der Ptujska Cesta (Pettauer Straße), wobei sich die beiden größeren Grabhügel unmittelbar links und rechts einer hier einmündenden Nebenstraße (der Ulica Zofke Kukovič) erheben. Die Grabhügel weisen beachtliche Höhen von über drei Metern und Durchmesser von 16 und 18 Metern auf. Der dritte, kleinere Hügel (mit einer Höhe von gut einem Meter bei einem Durchmesser von ca. 13 Metern) liegt etwa 150 Meter weiter nordwestlich, am nordwestlichen Rand des Wäldchens. Er ist, wie Tumulus 2, mit dichtem Unterholz bewachsen. Einen Besuch lohnt daher vor allem der große Grabhügel 1 gleich rechts neben der Straße, dessen Besonderheit – neben seiner beachtlichen Größe – vor allem darin besteht, dass er, nach einer archäologischen Untersuchung im Jahr 2002, als eine im Inneren begehbare Rekonstruktion mit gemauertem Zugang (Dromos) und Eingangstür wiedererrichtet wurde.
 
In dem kleinen parkähnlich gestalteten Ambiente sind auch drei (beidseitig beschriftete bzw. bebilderte) Informationstafeln aufgestellt. Eine von ihnen zeigt die aus Steinplatten zusammengesetzte Grabkammer im Inneren des Hügels, die man bereits im Jahre 1961 bei Erdarbeiten entdeckt hatte und die 2002, nach über 40 Jahren, erneut freigelegt werden konnte. Die zahlreichen, einst in der Grabkammer zusammen mit der Bestattung deponierten Grabbeigaben waren bei der ersten ‚Ausgrabung‘ des Hügels zum Glück von einem in der Nähe wohnenden Studenten geborgen worden, sodass man sie heute (zumindest teilweise) im Pokrajinski muzej (Regionalmuseum) von Maribor bewundern kann.
 
Auffällig ist dabei die große Zahl von nicht weniger als 17 Glasgefäßen: Zwei bauchige Urnen, eine wohl aus Aquileia, eine eher aus einheimischer Produktion, eine rechteckige und zwei zylindrische Flaschen, ein großer kelchförmiger Humpen wohl italischer oder gallischer Herkunft, der ebenso Metallvorbildern nachgebildet scheint, wie eine Schöpfkelle und zwei kasserollenartige Gefäße, sowie insgesamt sechs Schälchen und zwei Balsamarien (Salböl-Fläschchen). Ihrer Form und Machart nach sind all diese Glasgefäße in das ausgehende erste und beginnende zweite Jahrhundert n. Chr. zu datieren. Das gilt auch für eine Terra Sigillata-Schüssel südgallischen Ursprungs, die vermutlich in den Jahren zwischen 75 und 95 n. Chr. entstand und einen Tierjagd-Fries zeigt: Zu sehen ist viermal dieselbe Szene: Ein Löwe, der, zwischen Büschen und über Grasbüscheln, einem nach rechts fliehenden Hirsch nachjagt.
 
Auch die Metallgegenstände aus Bronze datieren in das 1./2. Jahrhundert n. Chr. Es handelt sich zum einen um die Reste einer aufwändigen Gürtelgarnitur (mit Gürtelschnalle, gitternetzartig durchbrochenen rechteckigen Beschlägen, ‚Entenkopfbügeln‘, kahnförmigen Beschlägen und Ziernieten), zum anderen um ein Fibelfragment, den Beschlag eines Schlosses (samt Vorlegeband) und den Griff vom Deckel eines (nicht mehr erhaltenen) Holzkästchens, drei Bronzeringe sowie eine Bronzemünze mit dem ‚Charakterkopf‘ des Kaisers Vespasian. Ein Eisenhaken und vier eiserne Nägel sowie Keramikscherben einer großen Amphora stehen wohl im Zusammenhang mit dem Bestattungsritus.
Als Besonderheit ist schließlich noch ein schönes Schminkkästchen aus Bronzeblech zu nennen, das auf dem Deckel mit einem Medaillon verziert ist. Wie vergleichbare Exemplare zeigen, handelt es sich möglicherweise um ein im 2. Jahrhundert n. Chr. gefertigtes Importstück aus dem Rheinland. Dargestellt ist auf dem Medaillon (in Reliefarbeit) in der Mitte der Meeresgott Neptun, mit Dreizack und Delphin, links der Gott des Handels, Merkur, mit Flügelhut, Geldbeutel und Botenstab, und rechts der Kriegsgott Mars, mit Helm, Schild und Lanze.
 
Zum Teil ist diese reiche Ausstattung von Grabhügel 1 nun auch wieder in Form von Repliken im Inneren der Grabkammer deponiert. Vor allem der Fund des Schminkkästchens legt den Schluss nahe, dass es sich bei einer der hier bestatteten Personen um eine (wohlhabende) Dame gehandelt haben muss. Der Grabform nach liegt hier wahrscheinlich eine einmalige Bestattung vor, ungeklärt ist (bis zum Vorliegen einer genauen anthropologischen Analyse) jedoch die Frage, ob hier nur eine oder mehrere Personen gleichzeitig bestattet wurden, Knochenreste fanden sich jedenfalls in drei Gefäßen …
 
All diese Funde waren bereits bei der ersten Entdeckung der Grabkammer Anfang der 1960er Jahre geborgen worden, als Neufund der archäologischen Untersuchungen 2002 kam dafür das Fundament einer Grabstele zum Vorschein, samt rechtechteckiger Aussparung für den entsprechenden Zapfen am unteren Ende der Stele (eine der Informationstafeln zeigt diese für römische Grabstelen typische Form der Verankerung).
 
Die Stele selbst hat sich nicht erhalten, auf ihr waren wohl Name, Alter und Berufs- bzw. Familienstand des oder der Verstorbenen angegeben. Aufgestellt war die Stele, der Fundlage der Basis nach, wohl am Fuße des Grabhügels, auf der Seite des Tumulus, die dem heutigen Eingang gegenüberliegt. Hier lief vermutlich auch einst die von Poetovio (Ptuj) kommende und ins Marburger Becken führende Römerstraße (ungefähr der heutigen Ptujska Cesta entsprechend) vorbei. Diese Straße mündete dann weiter westlich wohl in die Straße, die von Celeia (Celje) nach Flavia Solva (Wagna bei Leibnitz) führte.
Betritt man nun durch die (neu aufgemauerte, so in der Antike nicht bestehende) Toranlage das Innere des Grabhügels, so gelangt man in einen aus Ziegelwänden gebildeten großen rechteckigen Raum, der mit einem Tonnengewölbe gedeckt ist und in dessen Zentrum sich die aus senkrecht aufgestellten Steinplatten gebildete Grabkammer befindet. Dabei sollte man sich freilich stets vor Augen halten, dass dieser Raumeindruck nicht dem ursprünglichen Zustand entspricht, da der Raum um und über der Grabkammer mit Erde verfüllt war bzw. es überhaupt keinen freien Raum um die Grabkammer herum gab, da man direkt über ihr ja den mächtigen Erdhügel aufgeschüttet hatte.
 
Auf dem Estrichboden der ungefähr 2,8 mal 1,6 Meter messenden Grabkammer hatte man einst ja auch die vorhin besprochene reiche Grabausstattung deponiert. Die Grabkammer selbst wird aus vier mächtigen Sandsteinplatten gebildet, die senkrecht zu einem Rechteck aufgestellt sind. Als ‚Grabdeckel‘ dienten drei kleinere, heute z. T. zerbrochene Sandsteinplatten, wobei die Zwischenräume mit kleineren Steinen ausgefüllt wurden. Ein heute durch eine Lücke in der Abdeckung ermöglichter Blick ins Innere der Kammer zeigt zum einen die nun z. T. (durch Repliken) wiederhergestellte Grabausstattung, zum anderen aber auch, dass die Deckplatten durch zwei kleine Pfeiler gestützt werden. Diese sind, im Unterschied zu den Sandsteinplatten, die aus den nahegelegenen Slovenske gorice (Windischen Büheln) stammen, aus Marmor vom Pohorje (Bacherngebirge) gefertigt.
 
Diese spezielle Grabform – eine Steinplattenkammer in einem Grabhügel – stellt eine für das Verbreitungsgebiet der norisch-pannonischen Hügelgräber eher seltene Variante dar. Man könnte sie als eine Weiterentwicklung oder auch ‚Vergrößerung‘ der (freilich auch nicht allzu häufigen) Form der Steinkistengräber bezeichnen, wie sie beispielsweise in den Hügelgräberfeldern von Kapfenstein-Kölldorf (vgl. hier Nr. 20) oder auch ‚Hofwald‘ bei Kohlberg (vgl. hier Nr. 14) zu beobachten waren.
 
Bei der im Übergangsbereich zum Grabkammer-Raum angelehnten Inschrifttafel handelt es sich um die Replik eines römischen Grabsteins, genauer gesagt eines Grabsteinfragments, da sich hier nur das von Spiralsäulen gerahmte Inschriftfeld einer einstmals größeren Grabstele erhalten hat. Entdeckt worden war dieses Grabsteinfragment, zusammen mit zwei weiteren, fast vollständig erhaltenen großen Grabstelen, im Jahre 1894 in Miklavž beim Beackern eines Feldes „auf dem sogenannten ‚obern Kirchenacker‘, Parcelle 530, ca. 24 Meter von der Pettauer Straße“ entfernt. So einer noch aus demselben Jahr veröffentlichten Fundnotiz zufolge, durch die man weiters erfährt, dass die drei Grabstelen dort zur Errichtung eines Steinkistengrabes wiederverwendet worden waren. Späteren Quellen nach wurden die drei Stelen auf dem Friedhof von Sveti Miklavž gefunden, wo sie als Grabeinfassung dienten. Wie dem auch sei, bereits zwei Jahre darauf, 1896, waren alle drei Marmor-Grabsteine vom Besitzer des Gutes Nicolaihof dem Landesmuseum Joanneum in Graz geschenkt worden, wo sie sich auch heute noch befinden. Die beiden großen, beinahe vollständig erhaltenen Grabstelen sind in der Ausstellung des Lapidariums des Universalmuseums in Graz-Eggenberg zu bewundern: Zum einen handelt es sich um die zwei Meter hohe Stele für einen gewissen Surio, Sohn des Verecundus, den dieser für sich selbst; seine Gattin und Tochter noch zu Lebzeiten aufstellen ließ. Zum anderen um die über eineinhalb Meter hohe Grabstele für Albinius Lucretius und für Mansuetus, den Sklaven des Avitus, die Albinia Couso zu Lebzeiten errichten ließ.
 
Die Inschrifttafel, bei der es sich, wie bereits erwähnt, nur um das Fragment einer einst ebenfalls größeren (oben und unten abgebrochenen) Marmor-Grabstele handelt, befindet sich hingegen im Depot des Lapidariums des Joanneums bzw. hier, in Miklavž, als Replik im Inneren des wiedererrichteten Grabhügels.
Genannt werden in dem von Spiralsäulen gerahmten, ca. 70 Zentimeter hohen Schriftfeld ein gewisser Titus Flavius Diocaitus und seine Gattin Claudia (?) Finita, die sich diesen Stein für sich selbst und für ihren mit 20 Jahren verstorben Sohn Ingenuus errichten ließen:
 
T(ITO) FLAVIO DIOCAITO ET C(LAVDIA)E? FINIT(A)E CON(IVGI) V(IVI) F(ECERVNT) S(I)BI ET I(N)GENVO FI(LIO) AN(NORVM) XX.
 
Der griechische Nachname ‚Diocaitus‘ des Mannes könnte darauf hinweisen, dass er ursprünglich aus dem griechisch-sprachigen Osten stammte und ein sogenannter Freigelassener (also ein ehemaliger Sklave) war. Ob dieser einst für die Familie des Diocaitus errichtete Grabstein in Zusammenhang mit Grabhügel 1 steht (wie die Anbringung der Kopie der Stele im Inneren des Grabhügels zu suggerieren scheint), muss dahingestellt bleiben. Wie auch die beiden anderen, zuvor erwähnten römischen Grabstelen aus Miklavž, wurde er ja in späterer Zeit als Spolie wiederverwendet, sodass wir seinen ursprünglichen Aufstellungsort nicht kennen.
 
Dies gilt auch für die an der Fassade der Pfarrkirche von Miklavž angebrachten und wohl ebenfalls aus der hiesigen Nekropole stammenden drei ‚Römersteine‘. Die dem heiligen Nikolaus geweihte und 1382 urkundlich erstmals genannte Kirche geht auf einen romanischen Bau zurück, was man auch gut anhand des z. T. unverputzt belassenen Mauerwerks und der wieder sichtbar gemachten romanischen Fenster erkennen kann. Im 16. Jahrhundert wurde dem Kirchenschiff ein mächtiger gotischer Westturm angefügt, an dessen Südfassade ein großes monochromes Christophorus-Fresko prangt.
 
Rechts daneben, an der Südwestecke des Kirchenschiffs, ist der erste (mit ‚rimska spolja‘ bezeichnete) Römerstein angebracht. Es handelt sich um ein 48 Zentimeter hohes und 76 Zentimeter langes Architekturfragment aus Marmor, genauer gesagt um das Fragment eines Architravs, das allerdings um 90° verdreht, also liegend, anstatt stehend, eingemauert wurde. Auf der rechten Seite des Marmorblocks (bzw. rechts von der später darüber montierten Eisenstange) sind nämlich noch drei stufenförmig abgetreppte Streifen (Fascien) zu erkennen, während das sich links davon – also eigentlich darüber – befindliche Relief eine kreisförmige Akanthusranke zeigt, die sich um eine fünfblättrige Rosette schlingt. Ursprünglich handelte es sich bei diesem Fragment also wohl um den Ausschnitt aus einem längeren, in seinem oberen Abschnitt mit einem vegetabilen Rankenfries geschmückten Architrav, der vielleicht von einem größeren ädikula- oder auch tempelartigen Grabbau stammt.
 
Die beiden anderen römischen Spolien befinden sich an der Nordfassade der Kirche, wo man – gleich nach Umrundung des mächtigen gotischen Westturms – an der Nordwestecke zuerst auf eine große marmorne Grabstelen-Bekrönung trifft, die im unteren Bereich der (hier ebenfalls unverputzt belassenen) Wand eingemauert ist. Das beinahe zwei Meter lange und 63 Zentimeter hohe Fragment zeigt den Typus eines sog. Löwenaufsatzes, wie er bei monumentalen römerzeitlichen Grabstelen – vor allem in den Stadt-Territorien Flavia Solvas und Poetovios – des öfteren zu beobachten ist. Auch die vorhin erwähnte, 1894 in Miklavž entdeckte und heute im Lapidarium des Universalmuseums in Graz aufgestellte große Grabstele des Surio, Sohn des Verecundus, zeigt diese besondere Art der Stelenbekrönung.
 
Dargestellt sind auf dem leider stark beschädigten Reliefblock zwei liegende, nach außen gerichtete Löwen, die wohl in ihrer seit alters her überlieferten Funktion als Unheil abwehrende Grabwächter aufzufassen sind. Ihre direkt dem Betrachter zugewandten und von prächtigen Mähnen gerahmten Gesichter sind leider abgeschlagen (bzw. abgeschliffen). Ob sie, wie auch sonst meist, Tierschädel zwischen ihren Vordertatzen hielten, kann man nicht mehr genau erkennen. Zwischen den Hinterläufen der beiden Löwen ist ein nicht genauer definierbarer (oben ebenfalls abgebrochener) zylindrischer Gegenstand (eine Säule?) auszumachen. Darauf ist, in Relief, ein bis zum Oberkörper erhaltener und mit einem Schild ausgestatteter Mann dargestellt, der sich mit überkreuzten Beinen anscheinend nach rechts auf einen Stab stützt; vielleicht handelt es sich um einen Heros. Der zylindrische Gegenstand wird bisweilen auch als ‚Ziste‘ (korbartiges Gefäß) interpretiert, wie sie bei ‚Löwenaufsätzen‘ an dieser Stelle des öfteren zu sehen ist. (In der Grabsymbolik wird die Ziste zumeist als sog. cista mystica gedeutet, die zur Aufbewahrung kultischer Gegenstände bei Mysterienfeiern diente).
 
Der dritte und letzte an der Kirche von Miklavž angebrachte ‚Römerstein‘, ein kleines, 33 mal 23 Zentimeter messendes Marmorrelief, befindet sich ebenfalls an der Nordfassade, nur einige Schritte weiter östlich, neben einem mit ‚romanski prehod‘ (‚romanischer Durchgang‘) angeschriebenen, zugemauerten (ursprünglich rundbogigen?) Portal. Wie das Architrav-Fragment mit dem Rankenfries an der Südfassade der Kirche ist auch dieses Relief mit ‚rimska spolja‘ bezeichnet und um 90° verdreht herum eingemauert, weshalb auf den ersten Blick lediglich ein nach links gekippter großer Früchtekorb auszumachen ist.
Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man links neben dem Korb die rechte Hälfte einer Büste, die eine mit einer Tunika bekleidete Person wiedergibt. Höchstwahrscheinlich handelt es sich hier um die Personifikation einer Jahreszeit – dem Früchtekorb nach wohl um eine Verkörperung des Herbstes. Rechts neben dem Früchtekorb ist auch noch der Rest einer Bogennische auszumachen, was die Vermutung nahelegt, dass es sich hier vielleicht um das Fragment eines Akroters (also einer verzierenden Bekrönung) an der Ecke eines großen Sarkophagdeckels handeln könnte.
 
Dass die Gegend von Miklavž schon sehr viel früher, nämlich beinahe ein Jahrtausend vor der Römerzeit bereits besiedelt war, zeigt die 2007 erfolgte aufsehenerregende Entdeckung eines urnenfelderzeitlichen Gräberfeldes. Es liegt nur unweit von den vorhin erwähnten römerzeitlichen Hügelgräbern entfernt, westlich des kleinen Wäldchens mit den drei Grabhügeln, direkt an der Ptujska Cesta. Auf die Fundstelle gestoßen war man beim Bau der (ehemaligen AGIP-, jetzt MOL-) Tankstelle, wobei vor Eintreffen der mit der Baustellenbeobachtung beauftragten Archäologen leider bereits ein Großteil der Fläche (im östlichen, nordöstlichen und zentralen Bereich) zerstört worden war. So gesehen muss man noch von Glück sprechen, dass bei den (von Miha Murko geleiteten) archäologischen Grabungen immerhin noch insgesamt zehn Gräber freigelegt werden konnten. Es handelt sich um in den geologischen Untergrund der hier anstehenden Drau-Terrasse eingetiefte kreisförmige Grabgruben, die sich vor allem im westlichen Bereich der Grabungsfläche konzentrierten. Hier waren fünf Gräber halbkreisförmig um ein weiteres, besonders großes und reich ausgestattetes Grab angeordnet, während sich je zwei weitere Gräber nördlich bzw. gut 40 Meter weiter westlich dieser Gräberkonzentration fanden.
 
Von den Gräbern ist heute an Ort und Stelle freilich nichts mehr zu sehen, wobei es sich hier ja um Grabgruben handelte, die vor ihrer Entdeckung obertägig auch nicht sichtbar waren. (Im Unterschied zu den römerzeitlichen Grabhügeln, die heute allerdings ebenfalls bereits zum Großteil verschwunden sind). Dafür kann man die bei den Grabungen geborgenen Funde – so wie ihre Pendants aus dem römerzeitlichen Grabhügel 1 – heute im Pokrajinski muzej (Regionalmuseum) von Maribor bewundern, wo sie, gereinigt, restauriert und ergänzt, in einer Vitrine ausgestellt sind.
Besonders reich war die Ausstattung der Grabgrube 5, die die meisten Funde enthielt. Mit ca. 70 Zentimetern war diese Grabgrube auch am tiefsten in den anstehenden Boden gegraben (weshalb sie auch am besten konserviert ist). Sie wies einen Durchmesser von 1,3 Metern auf, womit sie auch die größte aller (erhaltenen) Gruben ist. (Die benachbarte Grabgrube 2 war z. B. nur etwa halb so groß und tief.) Die Urne in Form eines großen, 68 Zentimeter hohen, bauchigen Kegelhalsgefäßes weist einen sanft in die Schulter übergehenden konischen Hals auf und ist im unteren Bereich des weit ausladenden Bauchs mit einem umlaufenden gerippten Band verziert. Das Gefäß war zentral, in der Mitte der Grube platziert und enthielt nach der Verbrennung des (oder der) Verstorbenen am Scheiterhaufen aufgesammelte Reste: Den sog. Leichenbrand (verbrannte Skelett-Reste) eines etwa 15 – 18jährigen Individuums und auch Einzelteile von am Scheiterhaufen mitverbranntem Schmuck. An Grabbeigaben aus Metall fanden sich ein Halsreif (torques) und zwei Armreife aus Eisen, die alle stark korrodiert waren. Aus Bronze haben sich hingegen eine vollständige und mehrere fragmentierte sogenannte Brillenfibeln, Fragmente von Armreifen und Ringen, ein knapp 22 Zentimeter langes Messer (mit Griffzapfen und einer Verzierung in Form eines Frieses aus kleinen schraffierten Dreiecken), eine kleine walzenförmige Perle sowie zwei Plättchen, eines mit Loch, das andere mit umgebogenem Ende, erhalten. Noch reicher war die Ausstattung des Grabes mit Beigaben aus Keramik: Neben einem bikonischen Spinnwirtel aus Ton konnten – zusätzlich zur großen Urne – insgesamt nicht weniger als 13 Keramikgefäße geborgen werden: Fünf Henkelschalen, drei Schüsseln, eine Amphora, ein Topf sowie drei Krüge, von denen zwei Verzierungen in Form von Zinnauflagen aufweisen. Die Mehrzahl der Gefäße war kreisförmig um die zentrale Urne herum arrangiert.
 
Den reichen Beigaben zufolge, muss es sich bei dem (oder der) in Grabgrube 5 beigesetzten Toten wohl um eine wohlhabende und einflussreiche Persönlichkeit gehandelt haben. Deswegen mag es ein wenig verwundern, dass, laut anthropologischer Untersuchung, die verbrannten Knochenreste einem jugendlichen, im Alter zwischen 15 und 18 Jahren verstorbenen Individuum zuzuordnen sind. Andererseits: Wie die Radiokarbon-Analyse ergab, datieren die untersuchten Knochen-Proben in die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. Und zu dieser Zeit, dem Übergang von der späten Urnenfelderzeit zur frühen Hallstattzeit, war die durchschnittliche Lebenserwartung nun einmal eine sehr geringe, vorsichtigen Schätzungen nach lag sie wohl eher unter als über 30 Jahren …
 
Nach der Bestattung der Verstorbenen wurden die Grabgruben mit Erde und Kieselsteinen verfüllt und die beinahe drei Jahrtausende lang währende Totenruhe der frühen Bewohner von Miklavž konnte beginnen, aus der sie erst wieder zu Beginn des 3. Jahrtausends n. Chr. recht unsanft (durch den Lärm und die Aktivitäten der Baumaschinen) gerissen wurden. Dafür haben sie nun aber das Privileg, im noblen Ambiente des geschmackvoll (im ehemaligen Stadtschloss) eingerichteten Mariborer Museums zu ‚residieren‘ und vor den Augen des kulturinteressierten Publikums von den Lebensumständen und der Bedeutung ihres einstigen Daseins beredtes Zeugnis abzulegen…


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